Günstlingswirtschaft als Unternehmensbremse

„Vitamin B ist alles!“ Diesen Spruch hat man heutzutage inzwischen in den verschiedensten Kontexten gehört, von der Wohnungssuche, bis hin zur Sitzplatzreservierung. Doch welche Rolle spielt dieses Vitamin in Unternehmen?

In Organisationen, denen, wie Unternehmen, eine gewisse hierarchische Struktur zugrunde liegt, können Beziehungen zu verschiedenen Zwecken ausgespielt werden: Zum einen, um die Organisation zu betreten, also etwa in Form einer Empfehlung. Zum anderen, um die eigene Position innerhalb der Organisation zu festigen, beziehungsweise zu verbessern, beispielsweise in Form von Beförderungen, Zuteilung von Aufträgen, oder Zahlungen von Boni.

Beide Praktiken, so komfortabel sie für den Empfänger unter Umständen sein mögen, bergen Gefahren für den Rest der Organisation, sowie für die Werte selbiger.

 

Fokus auf Beziehung, nicht auf Performance.

 

Generell gilt: Bei der Bevorzugung von Freunden, Verwandten oder anderen, in diesem Fall „Begünstigten“, verschiebt sich der Fokus auf die zwischenmenschliche Beziehung und weg von den Faktoren, welche ursprünglich die Rahmenbedingungen für beispielsweise Einstellung und/oder Beförderung gebildet haben. Diese Faktoren, etwa akademische Leistung, erzielte Erfolge in Projekten oder andere „objektive“ Aspekte geraten somit in den Hintergrund. Das Problem für alle „Nicht-Begünstigten“ ist somit, dass ihre Leistung möglicherweise nicht nur nicht anerkannt wird, sondern auch, dass die Wertesysteme des eigenen Unternehmens undurchsichtig werden und somit das generelle Streben der Mitarbeiter nach Top-Performance nachlässt, da nicht länger klar ist, was diese ausmacht.

Eine Mitarbeiterbefragung der Europäischen Zentralbank aus dem Jahre 2015 zeigte etwa, dass ganze 65 Prozent der befragten 3000 Mitarbeiter der Überzeugung wären, dass es zum Karrieremachen vor allem wichtig sei, die richtigen Leute zu kennen. Für Ergebnisse der eigenen Arbeit sei es laut 62 Prozent der Befragten wichtiger, sie hätten eine hohe Sichtbarkeit, anstelle einer hohen Qualität. Die Beziehung zum Vorgesetzten wurde von mehr als der Hälfte für relevant eingestuft, während gerade einmal 46 Prozent daran glaubten, Karriere zu machen, wenn sie einfach nur ihren Job gut machten.

Diese Erkenntnisse wurden bereits im Jahre 2014 in einer Studie des Beratungsunternehmens Kienbaum ähnlich gezeigt, in der von 2500 befragten Mitarbeitern 56 Prozent der Meinung waren, ihre reine Leistung würde für Beförderungen und Gehalt nur eine untergeordnete Rolle spielen.

Das Problem stellt sich also in zweierlei Ausprägung dar: Einerseits werden möglicherweise Personen gefördert, die von den reinen Fähigkeiten nicht zwangsläufig die geeignetsten für den zukünftigen Posten wären. Andererseits verlieren die restlichen Mitarbeiter das Vertrauen in die Effektivität von reiner Leistung als Mittel, sie karrieretechnisch voran zu bringen. In einer Unternehmenswelt, in der ein ständiges Ziel ist, die fähigste Person für eine Position oder einen Auftrag zu finden, könnten sich Unternehmen so sprichwörtlich das eigene Bein stellen.

 

Bevorzugung? Wenn, dann fair.

 

Bevorzugung generell scheint allerdings nicht immer nur schlechte Seiten zu haben, solange gewisse Rahmenbedingungen eingehalten werden. Soll zum Beispiel von einem Geschäftsführer ein Mitarbeiter ausgewählt werden, der eine Führungsposition übernehmen soll, so wird dieser im besten Fall nach fairen Kriterien wie Fachkompetenz, Führungsvermögen und anderen Dimensionen ausgewählt. Somit wird, beispielsweise, der Kandidat mit dem größten Potential für diese Position und den besten erbrachten Leistungen zwar auf eine gewisse Weise bevorzugt, wenn er ausgewählt wird, die Bevorzugung richtet sich allerdings nach den transparenten Werten des Unternehmen.

Mitarbeiter, die auf diese Art bevorzugt ausgewählt werden, haben somit nicht nur legitim ihre neue Position erworben, sondern können auch als positives Beispiel, sozusagen als „Helden“ der Unternehmenskultur dienen.

 

Das Bevorzugen der fähigsten Mitarbeiter muss also nicht unbedingt ein schädlicher Mechanismus im Rahmen einer Unternehmenskultur sein, solange die Rahmenbedingungen fair und transparent sind und somit ein gesunder Wettbewerb entstehen kann. Im Gegenteil kann daraus ein durchaus förderliches Performancemanagement werden.

Eine Bevorzugung in Form einer Günstlingswirtschaft wird aber dann toxisch für ein Unternehmen, wenn zwischenmenschliche Beziehungen pure Kompetenz ausstechen und somit das Streben nach Leistung an Wert verliert und nicht gewürdigt wird.